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Geschichtskurs 11 besucht Jüdisches Museum Westfalen

20.2.2008
Vor Ort beschäftigten wir uns in Kleingruppen mit verschiedenen jüdischen Persönlichkeiten aus Westfalen und fertigten zu diesen Kurzporträts an und versetzten uns durch kreatives Schreiben in ihre Lage...

Am Mittwoch, dem 13. Februar 2008, unternahmen wir, der Geschichtskurs der Klasse 11, mit Herrn Kinkelbur im Rahmen unserer derzeitigen Unterrichtsreihe zur deutsch-jüdischen Geschichte einen Ausflug in das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten.
Dort nahmen wir an einer einstündigen Führung durch das Museum teil und beschäftigten uns anschließend in Kleingruppen mit verschiedenen jüdischen Persönlichkeiten aus Westfalen und fertigten zu diesen ein Kurzporträt an und versetzten uns durch kreatives Schreiben in ihre Lage.
Mit folgenden jüdischen Persönlichkeiten haben wir uns auseinander gesetzt:
Leo von Münster, Freuchen Gans, Alexander Haindorf, Erich Gottschalk und Marga Spiegel

Gruppe1: Leo von Münster (um 1350)
(Lance, Patrick, Rico Remmler, Yannick)

1.) Biographie

- ein bedeutender Geldhändler
- erstmals 1346 als Betreiber von Kreditgeschäften in Archiven genannt
- Mitglied des Bankierkonsortiums unter der Leitung des Gottschalks von Recklinghausen

- Leos Geschäfte liefen sehr gut: Niederlassung im hervorragend gelegenen Bereich Münsters, hinter Rat- und Stadtweinhaus
- Pestprogrom im Jahr 1350: Leo von Münster floh mit seiner Familie
- er taucht urkundlich 1356 am Mittelrhein wieder auf

Ein Schatzfund
- 30 Schmuckstücke und 1447 Schatzmünzen auf der Rückseite des Stadtweinhauses entdeckt (1951)
- Prägungsdaten verweisen auf den Zeitraum um 1350
- Fundort weist auf jüdische Eigentümer hin, zu denen auch Leo gehört haben könnte


2.) Perspektivisches Schreiben
Es folgt ein fiktiver Tagebucheintrag von Leo von Münster, nachdem er gezwungen war, seine Heimat Münster zu verlassen:

05. Oktober 1350:
Noch immer bin ich gezwungen mit den Meinen vor der Gefahr der Pest und des Pogroms zu fliehen.
Meine wertvolle Habe mussten wir vorsichtshalber verstecken, da die Gefahr zu groß war, auf der Flucht beraubt zu werden oder wir diese verloren hätten.
In diesem Fall hätten wir unsere Existenz und das, wofür wir all die Jahre hart gearbeitet haben, verloren.
Möglicherweise sind wir durch gewisse Umstände dazu gezwungen, für immer auf der Flucht zu sein, oder für den Rest unseres Lebens an einem anderen Ort, als Münster, unserer Heimat zu verweilen.
Noch hoffe ich aber, dass wir guten Mutes und womöglich bald in unsere Heimat Münster zurückkehren können.
Leo

Gruppe 2: Freuchen Gans
(Victoria, Lara, Lea, Natany)

1.) Biographie
Ein kurzer Überblick über die Person Freuchen Gans:

ca. 1570: Geburt in eine wohlangesehene jüdische Familie mit bedeutenden Persönlichkeiten:
Rabbiner, Gemeindevorsteher, Gelehrte, Bankiers, Hofjuden
ca. 1580: Hochzeit mit dem Rabbiner und Kaufmann Moises von Hamm:
Kaufmannspaar, Gleichberechtigung Freuchens
Mehrere Kinder, fünf namentlich bekannt: Joseph, Salomon, Jonas, Seligmann
und Tochter Sprinz
Juli 1619: Zwangsvollstreckung gegen den Hammer Adelsherren Dietrich von Nehem
Zusammentrieb des Viehs, Verkauf und damit Tilgung der Schulden
1621: Beschwerde von Nehems
Erneuter Sieg Freuchens
1630: Tod

Freuchen galt als selbstbewusste Partnerin ihres Mannes, konnte lesen und schreiben und tätigte selbstständig Geschäftsabschlüsse. Sie war ihrem Mann wohl auch an Handelsgeschick überlegen und half ihm in vielen Prozessen.

2.) Perspektivisches Schreiben

Ein fiktiver Brief, den Freuchen nach dem gewonnenen Prozess gegen den Adelsherrn von Nehem an ihren Mann schrieb:

Liebster Moises,

Nach so langer Zeit, fast 20 Jahren unseres Lebens, ist es endlich so weit. Beinahe hätte ich die Hoffnung aufgegeben; beinahe hätten die Zweifel an der Gerechtigkeit mich übermannt.
Doch nun ist es vorbei. Die Gerechtigkeit hat gesiegt. Wir haben gesiegt.
Schon morgen wird man das Vieh von Dietrich von Nehem eintreiben, um es zu verkaufen und wir werden unser Geld bekommen.
Du kannst Dir meine Erleichterung nicht vorstellen als Recht gesprochen wurde.
Ich kann es kaum noch erwarten, die Freude und Erleichterung mit Dir teilen zu können und die wiedergewonnene Freiheit zu genießen.

In Freude auf ein baldiges Wiedersehen,

Dein
Freuchen

Gruppe 3: Alexander Haindorf
(Matheus, Ramona)

1.) Biographie

● 1784 in Lehnhausen im Kreis Meschede als Sohn eines Händlers geboren; von Großeltern erzogen
● nach dem Abitur studierte er Medizin in Würzburg, Bamberg und Jena; promovierte 1810
● später bewarb er sich an der Universität Heidelberg für eine Professur, bekam aber keine Lehrerlaubnis, da er Jude war
● 1815 heiratete er in Münster Sophie Marks, Tochter des vermögenden Gutsbesitzer Elias Marks
● bekam dort eine Lehrerlaubnis als Privatdozent an der medizinischen Fakultät; eine Professor war jedoch ausgeschlossen
● gründete 1825 die Marks-Haindorf-Stiftung

2.) Perspektivisches Schreiben

Eine fiktive Rede von Alexander Haidorf zur Eröffnung der Marks-Haindorf-Stiftung:

Sehr geehrte Damen und Heeren

Hiermit, begrüße ich Sie ganz herzlich zur Eröffnung der Marks-Haindorf-Stiftung.
Als ich nach meinem Studium eine Lehrstelle als Professor suchte, fand ich leider keine, weil ich Deutscher jüdischen Glaubens war. Zu dieser Zeit war ich sehr enttäuscht und niedergeschlagen und später kam mir die Idee, eine Stiftung zu gründen, welche jungen Menschen jüdischen Glaubens den Weg in die Welt erleichtert und ihnen die Möglichkeit gibt ihren Berufswunsch zu erlernen bzw. zu verwirklichen. Denn wir Juden dürfen uns nicht unterkriegen lassen. Wir müssen für unsere Rechte im Leben kämpfen und ein erster Schritt in diese Gesellschaft kann die Marks-Haindorf-Stiftung sein. Es ist zwar noch ein langer Weg bis zur Gleichberechtigung, aber ich bin überzeugt davon: wir werden es schaffen.


Gruppe 4: Erich Gottschalk
(Axel, Romina, Julia, Randi, Lena G.)

1.) Biographie

- am 16. März 1906 in Wanne (Herne) geboren, gestorben 1996
- Eltern führten ein gut gehendes Geschäft für Dekorationsartikel ab 1912
- besuchte die Volkshochschule
- 1923 mit der mittlere Reife abgeschlossen
- Banklehre abgebrochen (wegen Konkurs d. Instituts)
- bis 1928 Ausbildung zum Kaufmann
- ab 1929 arbeitete er im Textilhandel in Karlsruhe
- 1933 musste er diese Stelle aufgeben und kehrte nach Bochum zurück und arbeitete im elterlichen Betrieb
- begeisterter Sportler: Ski und v.a. Fußball
- Mitglied im Bochumer Turn- und Sportverein TUS 48 und „Makkabi“-Sportverein
- 1932 Beitritt in der Fußballabteilung von „Hakoah“
- Januar 1937 mit Rosell Strauss geheiratet
- 1938 à deutscher Meister in der jüdischen Fußball-Liga
- 1938 alle jüdischen Sportvereine verboten
- mit seiner Familie 1938 in die Niederlande geflohen
- hat als einziger seiner Familie Auschwitz überlebt

2.) Perspektivisches Schreiben

Geschätzter Freund Friedrich Weinberg,

Voller Entsetzen um unseren Fußballverein ,,Hakoah“
wende ich mich an Dich als Gleichgesinnten und Mannschaftskameraden.
Warum werden wir bloß aufgrund unserer Religion, dem Judentum, verfolgt und diskriminiert?
Mir fehlt leider der Mut und die Kraft weiter für unsere Rechte und Ziele zu kämpfen, denn voller Enttäuschung musste ich mit ansehen, wie nach und nach jüdische Sportvereine und somit unser Lebenssinn zerstört wurden.
In unserem Sport hatten wir doch das Ziel und auch die Chance, durch ,,fair play“, Teamgeist und internationalen Austausch eine weltoffene Haltung zu zeigen.
Ich hoffe, du teilst mit mir das gleiche Leid und ich warte auf eine baldige Antwort.

Dein Kamerad

Erich Gottschalk

Gruppe 5: Marga Spiegel
(Lena S., Rike, Britta, Tobias, Svenja)

1.) Biographie

· geboren am 21.Juni 1912 in Hersfeld
· lebte mit ihrer Familie in Hessen
· Eltern: Siegmund Rothschild; Cilly Rothschild, geb. Rosenstock
· Geschwister: eine jüngere Schwester
· 9.April 1918: wurde in Oberaula eingeschult
· von 1920 – 1922: Privatschule Adele Dippel in Oberaula
· danach ging sie auf die Luisenschule (Lyzeum)
· 1933 machte sie ihr Abitur
· 8.1.1937: Hochzeit mit Siegmund Spiegel
· Umzug nach Ahlen
· 14.1.1938 wurde Tochter Karin geboren
· 5.10.1939: Flucht nach Dortmund
· Oktober 1943: Mann wurde zur Kontrolle seiner Arbeitspapiere einberufen; fürchtete Deportation, floh zu Bauern ins Münsterland
· 21.10.1944: fuhr in das zerbombte Münster und beschaffte sich neue Papiere
· Nach Ende des Krieges à Umzug nach Ahlen
· Nach dem Tod ihres Mannes 1992 à Umzug nach Münster, wo sie heute noch lebt

2.) Perspektivisches Schreiben

Liebes Tagebuch,

ich bin dankbar für die Menschen, die uns Schutz gewähren. Es ist nun schon der dritte Tag an dem meine Tochter Karin und ich uns auf dem Hof der Aschoffs verstecken. Bis jetzt ist alles gut verlaufen und niemand hat uns verraten. Ich danke auch meinem Mann, der uns durch seine Bekanntschaften als Pferdehändler dies ermöglichen konnte.
Wie mag es ihm wohl nur ergehen?

Ich hoffe, dass er unter genauso guter Obhut steht wie wir und ich hoffe, dass wir ihn auch bald möglichst wieder sehen können. Ich bin froh darüber, dass wir nicht mehr die ewigen Demütigungen ertragen müssen. Außerdem hoffe ich, dass wir bald wieder normal weiterleben können.

Was wäre bloß aus uns geworden, wenn wir deportiert worden wären?

Marga

Fazit
Im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten haben wir eine Menge über die jüdische Geschichte in Westfalen gelernt.
Wir lernten sowohl positive als auch negative Aspekt des jüdischen Lebens kennen.
So war im Vergleich zu anderen Religionen die Frau im Judentum eher gleichberechtigt (vgl. Freuchen Gans und Marga Spiegel). Außerdem hatten einige Juden Erfolg im Finanzwesen, da sie für Geldverleih Zinsen nehmen durften (vgl. Leo von Münster). Auch lebten Juden vergleichsweise hygienisch, da sie auf die Reinheit ihrer Lebensmittel achteten (z.B. koscheres Fleisch), ehe sie von ihnen aßen und sich vor dem Essen die Hände wuschen. Manche Juden hatten auch Erfolg im Sport (vgl. Erich Gottschalk) oder im Bildungswesen (vgl. Alexander Haindorf).
Allerdings wurden sie häufig in ihrer Berufswahl und in der Gestaltung ihrer Freizeit stark eingeschränkt und es wurde äußerliche Anpassung von ihnen gefordert (z.B. beim Bau einer Synagoge).
Darüber hinaus gab es bereits vor dem Nationalsozialismus Phasen stärkerer Verfolgung, z.B. wurden sie 1350 angeklagt, die Pest verbreitet zu haben.
Man sieht also, wie ambivalent das Verhältnis der westfälischen Juden zu ihrer Umgebung war und dass es sowohl Vorteile als auch Nachteile haben konnte, Jude zu sein.


Quellen
Von Bar Mizwa bis Zionismus. Jüdische Traditionen und Lebenswege in Westfalen. Herausgegeben vom Jüdischen Museum Westfalen. Bielefeld 2007
www.jmw-dorsten.de
www.juedisches-leben.net
www.petrinum-dorsten.de/lebenswege/



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